TAGUNG 2003


Formulardruck: Drucken für Handel und Gewerbe


Den Tagungsort stellte das Museum der Arbeit in HH-Barmbek, wo eine gut ausgestattete Druck-Abteilung die Erklärung am Objekt erleichterte. Dr. Harry Neß, der Vorsitzende des IADM, konnte für den einleitenden Übersichtsvortrag mit Dr. Georg Vogeler von der Ludwig-Maximilians-Universität München einen hervorragenden Kenner der Materie einführen, der sein Referat unter das Thema „Der Text als Bild – Verwaltungsrationalisierung mit Hilfe von Formularen seit dem Mittelalter“ stellte.

Die Ablassbriefe waren die ersten Formulare

Dr. Vogeler sieht bereits in den Handschriften des 4. Jhd. die Vorgänger der heutigen Formulare, indem die Schreiber bestimmte Textblöcke für den Anfang (Im Namen des…) und das Ende der Schriftstücke (Segensgruß) immer wieder verwendeten. Es wurde denn auch schon früh das Wort „Forma“ und „Formularium“ für diese Rahmenformulierungen und Textbausteine geschaffen. Im 11.Jhd. entstanden zur ordnungsgemäßen Verwendung der verschiedenen Formen ganze Formular-Bücher, um „Formfehler“ zu vermeiden. Erst ab der Regierungszeit von Karl IV setzte man voraus, dass der Beamte weiß, wie man richtig schreibt, weshalb man sich auf die „Ars notariae“, Lehrbücher des Schreibens und Diktierens, beschränkte.

Mit der Erfindung der Buchdruckkunst wurden die Formularen in gedruckter Weise fortgeführt, wobei die bekannten Ablassbriefe von 1454 die ersten Produkte dieser Art darstellten. Sie druckte man in Auflagen von 2000 bis 6000 Stück, wobei der Ablassverkäufer vor Ort den Namen des Käufers, das Vergehen und die Geldbuße eintrug. Auch verschiedene Verwaltungszwänge, Einladungen zu Festen und Vorladungen vor Gericht erforderten gedruckte Formulare. Ende des 16. Jhd. weitete sich das Formularwesen immer mehr auf Handel und Gewerbe aus: Quittungen, Genehmigungen, Erfassung steuerpflichtiger Güter. Im 18. Jhd. kamen erstmals Briefköpfe auf. Es entstanden Freilassungsurkunden für Bauern und Bestallungsbriefe für Beamte.

In der napoleonischen Zeit setzte eine wahre Flut von Fragebögen und Formulare zur Vermögenserfassung von kirchlichen Gütern ein. Auch änderten sich die Formulare sehr schnell, wie es der preußische Verwaltungsbriefkopf zeigt, der von Napoleon abgeschafft und dann gleich wieder eingeführt wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jhd. erkannte man neben der Verwaltungsvereinfachung den Vorteil der Informationsaufnahme durch Formulare. Offene Stellen in Steuerbüchern wiesen sofort auf säumige Zahler hin. Das Erfassen von Zahlen in Tabellenform kam erst mit Einführung der arabischen Zahlen Ende des 16. Jhd. zustande. In der Seitengestaltung konnte man noch keine Linien drucken, sondern zog diese von Hand.

Die Mode, Statistiken zu erstellen, trat erst im 18. Jhd. auf, nachdem Leibniz sogar vorgeschlagen hatte, alles Wissen über den Staat in Tabellenform den Bürgern bekannt zu machen. Ende des 18. Jhd. führte die Obrigkeit die Eingabepflicht ein und sah spezielle Spalten in Formularen vor, die nur von den Beamten auszufüllen waren. Ab 1860 wurden die Formulare sehr farbenprächtig, nachdem sie im lithographischen Druckverfahren erstellt werden konnten. Das Aussehen der Formulare spielte eine wichtige Rolle von Anfang an, um den Hoheitscharakter der Schriftstücke zum Ausdruck zu bringen.

Vom Druck der Formulare zur virtuellen Dokumentation

Detlef Giesler vom Paul Albrechts Verlag in Lütjensee hatte es übernommen, den modernen Formulardruck zu präsentieren, wobei er sich zum Teil auf das vom Bundesverband Druck und Medien (bvdm) herausgegebene und von Frau Ingrid Toebe-Albrecht verfasste Buch „Die Gestaltung verständlicher Formulare“ bezog. Ergänzt wurde sein Vortrag durch die Ausstellung der Siegerdruckmuster des 12. Wettbewerbs Formulare und Geschäftspapiere 2003 des bvdm, die anschließend Silvia Werfel vorstellte.

Als Formularfunktionen nannte Detlef Giesler die Verringerung der Schreibarbeit, die Reduzierung der Lese- und Bearbeitungszeit durch Hervorheben des variablen Teils und die Fehlervermeidung durch logische Anordnung aller Inhalte. Leider werden dabei immer noch grundlegende Fehler gemacht, weshalb der Wettbewerb diese vermeiden helfen soll. So zitierte er den Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der einmal gesagt haben soll: “Tut mir leid, aber meine Stromrechnung kann ich nicht lesen“. Auch amtliche Formulare, wie bestimmte Steuererklärungen bilden bei der mangelhaften Gestaltung der Formulare keine Ausnahme. Dazu zählt das stupide, wiederholte Eintragen von persönlichen Daten, die längst beim Amt vorliegen.

Als Kriterien der Formulargestaltung nannte er die Sprache, die Gliederung, die typografische Gestaltung, die farbliche Anmutung, die Lesbarkeit, die organisatorische Effizienz, die Werbewirksamkeit und die technische Ausführung. Bei den Geschäftspapieren kommen noch die Kreativität, die kommunikative Qualität und die Praxistauglichkeit hinzu. Nach diesen Kriterien werden auch die alle 2 Jahre durchgeführten Wettbewerbe des bvdm bewertet.

Zum Schluss kam er auf die Sicherstellung der Echtheit der Eintragungen zu sprechen, die heute durch den Einbau von passiven Chips mit Antenne in die Formulare erreicht werden kann. Auch lassen sich viele Formulare über das Internet mit EDIFACT und anderen Verschlüsselungen übertragen, wodurch eine virtuelle Dokumentation zustande kommt.

Akzidenzdruck bei Joh. Enschedé und bei C.H. Wöll

Johan de Zoete, Kustode des Enschedé-Museum in Haarlem bei Amsterdam, NL, ließ zunächst die 300jährige Geschichte dieses berühmten Druckhauses Revue passieren
(gegr. 1703 von Izaac Enschedé, 1737 Herausgabe einer Zeitung, 1770 Gründung einer Schriftgießerei, 1790 Druck von Wertpapieren, 1814 von Banknoten und 1866 von Briefmarken). Das Druckerei-Archiv von Joh. Enschedé umfasst in über 80 Bänden zahlreiche Druckereiverwaltungs-Dokumente und Druckmuster der Jahre 1762-1922, ab 1816 vollständig, und stellt damit einen wahren Schatz für Forschungen auf diesem Gebiet dar.

In einem abgeschlossenen Kellerraum fand man vor einigen Jahren 1200 Briefumschläge mit Druckmustern und 4 große Paletten mit dicken Mappen, die die Jahre 1933-1955 umfassen. Alles, was zu dieser Zeit bei Joh. Enschedé gedruckt wurde, ist damit noch mit mindestens einem Druckmuster erhalten und mit allen wichtigen Auftragsdaten versehen. Da viele Muster in gebundener Form vorliegen, ist die konservatorische Arbeit eine enorme, die jedoch für die Nachwelt erbracht wird. Bis jetzt hat man 5794 Beschreibungen der Druckmuster mittels PC erfasst, doch ein Großteil steht noch aus. Darunter sind 1180 Geschäftspapiere und 245 Formulare, von denen Johan de Zoete einige vorführte. Erstaunlich war dabei festzustellen, welch großen Wert man schon damals auf eine gute Gestaltung und Druckqualität legte. Als Druckverfahren wurden der Buchdruck, die Lithographie, der Tiefdruck und der Prägedruck eingesetzt.

Dr. Jürgen Bönig, Leiter der Druck-Abteilung im Museum der Arbeit, gab einen Überblick über die Akzidenzdruckereien der Stadt Hamburg im 18. und 19. Jhd., die mit der Eröffnung des Freihafens 1888 einen Boom erlebten, da alle gehandelten Waren mit verschiedenen Papieren (Frachtbriefen, Formulare, Zettel etc.) begleitet werden mussten. So gab es 1896 in Hamburg 78 im Buchdruck arbeitende Akzidenzdruckereien, denen 21 Zeitungsdruckereien und 15 Litho-Anstalten gegenüber standen. Eine dieser Akzidenzdruckereien war die von C.H. Wöll, 1857 gegründete, die er besonders herausstellte, da sie sich auf Frachtpapiere für Reedereien spezialisierte. Die Druckerei befand sich direkt am Hafen, was die Akquisition erleichterte.

Um die soziale Situation der damaligen Zeit zu beleuchten, zeigte Dr. Bönig ein zeitgenössisches Foto, das die Anlegerinnen an den Schnellpressen zeigt und davor ein kleines Mädchen, das die Papierbogen herbeischleppt, während der männliche Drucker als Aufseher daneben steht.

C.H. Wöll führte schon früh die Durchschreibesätze ein, die das umständliche, die Finger beschmutzende Zwischenlegen von Kohlepapier vermied. Da nicht alle Adressaten alle Daten erhalten durften, wurde die Kohlerückseite bei manchen Durchschlägen ausgespart, was eine spezielle Beschichtungstechnik erforderlich machte. C.H. Wöll setzte auch schon früh Liniermaschinen ein, um eine saubere Kolonnenbildung auf den Frachtpapieren sicherzustellen. Eine weitere Spezialität betraf die Lagerhaltung der georderten Papiere, was zur Kundenbindung beitrug. Im Krieg wurde die Druckerei zerstört und an der gleichen Stelle nicht wieder aufgebaut.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Exkursion zur „Winckeldruckerey“ des Willy Drucker im Hans-Hergot-Turm (ehemaliger Wasserturm) in Uelzen – ein Leckerbissen für alle am historischen Druck Interessierte. Die mittelalterliche Bezeichnung Winckeldruckerey war um 1570 für Druckereien gebräuchlich, die „ohne Zensur die Buchdruckerkunst zu allerhand unerlaubten Schriften missbrauchten“, und Hans Hergot war ein Nürnberger Drucker, der 1527 wegen einer, der Obrigkeit mißfallenden Schrift für eine gerechtere Welt in Leipzig hingerichtet wurde. Willyi Drucker stellt in dem von ihm erworbenen Wasserturm auf historischen Schnellpressen mittels Bleisatz noch heute solche Streitschriften für eine bessere Welt her und benutzt dazu wohl im Gedenken an Hans Hergot den Buchdruck, obwohl die moderne Kopiertechnik ihm die Arbeit erleichtern würde.


Text: Boris Fuchs




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